Reportage
Vom Alltag in die Traumfabrik: Die Welt der Mangafans


Ein sonderbares Gewusel und Getummel: bunte Perücken und Stirnbänder, schwarze Plastikhörner, rote Rüschenröcke, Plateaustiefel und Farblinsen. Im ersten Moment hat das Ganze die Anmutung von Gothic und im zweiten die von Punk. Doch es sind Cosplayer (Kostümspieler), die sich als Helden ihrer japanischen Lieblings-Comics verkleiden.

Zum vierten Mal findet auch 2009 wieder die Mangamesse ConTopia in dem Wuppertaler Kulturzentrum die Börse statt. Der 27 jährige Sebastian Steinecker ist gelernter Lebensmitteltechniker und Veranstalter der ConTopia Wuppertal. 2005 kam er von Ludwigshafen nach Wuppertal. Schon damals war er großer Mangafan und erhoffte sich durch die Szene Leute aus Wuppertal kennen zu lernen. Noch im gleichen Jahr organisierte er die erste Mangamesse. Die Resonanz war beeindruckend! Nur durch Mund zu Mund Propaganda kamen über 1000 Besucher aus der gesamten Bundesrepublik und aus den Nachbarländern Frankreich, Polen, Holland und England nach Wuppertal.

In der Mangaszene bewegen sich hauptsächlich Jugendliche zwischen 15-23 Jahren. Ihre ethnische und soziale Herkunft spielt für sie keine Rolle und bleibt durch ihre Verkleidungen weitestgehend unerkannt. „Erst nach dem fünften Treffen fangen wir an Smalltalk über unsere wahre Person zu führen,“ erzählt Claudia, 19, aus Frankfurt. Sie ist heute der Vampir Kaname Kuran aus ihrer Lieblingsserie Vampire Knight. „Ich habe mir die männliche Figur ausgesucht, weil ich finde, seine Gesichtsstruktur stimmt mit meiner eigenen überein,“ fügt sie hinzu.

Anders als in der Punk- oder Gothicszene, deren Anhänger ihre Rolle dauerhaft leben, schlüpfen die Cosplayer, mit Ablegung ihrer Verkleidung, wieder in die reale Alltagswelt zurück. Der Veranstalter S. Steinecker hält das Wechselspiel aus Phantasiewelt und Realität für sehr gefährlich: „Die Flucht in den surrealen Mikrokosmos macht den anschließenden Einstieg in den Alltag umso schwieriger.“ Viele der Mangafans ritzen ihre Haut und die Selbstmordrate ist höher als bei anderen Jugendbewegungen. Agressionen tragen die Cosplayer jedoch hauptsächlich nach innen und nicht nach außen: „Die Fans sind in der Regel sehr harmlos und hilfsbereit. Zu Krawallen und Gewaltausbrüchen kommt es auf den Manga-Conventions kaum.“ erklärt Sebastian Steinecker mit einem Strahlen in den Augen. Von den 2500 Besuchern am Freitag und Samstag sind nur 10 durch einen zu hohen Alkoholkonsum auffällig geworden und mussten die Veranstaltung verlassen.

Im Unterschied zu anderen Jugendkulturen ist die Motivation der Cosplayer nicht politischer Natur. Ihnen geht es viel mehr um kulturelle und gesellschaftliche Werte. In der Szene können sie ein gemeinsames Hobby ausleben und sich einer Gruppe zugehörig fühlen: „Viele Anhänger der Mangaszene sind in der Realität schüchterne Außenseiter mit wenigen sozialen Kontakten,“ betont Sebastian Steinecker. Hier träumen sie sich in fremde Welten und ihre Maskierung bietet ihnen Schutz. Für einen begrenzten Zeitraum können sie sich in der Rolle ihrer Superhelden stark und akzeptiert fühlen.

Die 23 jährige Schauspielerin Anke aus Berlin ist heute die böse Mistress 9 aus dem bekannten Manga-Anime SailorMoon: „Ob die Figur gut oder böse ist nimmt schon Einfluss auf meine Laune, meine Körpersprache und darauf wie andere auf mich reagieren,“ erklärt Anke. Sie hat bislang 6 verschiedene Kostüme, die sie allesamt selbst genäht hat. Kostüme schneidern zu lassen ist unter den Cosplayern verpöhnt, dabei geht es vor allem um eine präzise Ausführung und handwerkliches Geschick. Für zusätzliche Accessoires muss Anke dennoch tief in den Geldbeutel greifen. Ihre schwarze, 1,50 m lange Haarperücke, die sie heute trägt, hat sie für 80 Euro bei Ebay ergattert. „Mein Outfit muss perfekt sein. Ich sehe mich und mein Kostüm als Gesamtkunstwerk an,“ sagt sie. Viele Fans quälen sich in ihrem Kostüm durch den Tag: Frieren und Schwitzen, Jucken und Kratzen, schwere Kleider und unbequeme Schuhe gehören mit zu dem Spiel.

Yuka und Jeeze studieren Japanologie in Hamburg und erklären, dass sie und viele ihrer Studienkollegen aus der Mangaszene sich japanische Spitznamen geben und ihre eigentlichen Namen auch im Alltag nur im Notfall für bürokratische Zwecke preisgeben. Grund dafür ist ihre Freude an der Inszenierung und an mysteriöser Anonymität. 
Japaner gibt es auf der ConTopia interessanter Weise kaum, obwohl es in Tokio nach wie vor den größten Mangafanclub und 13 Mangaschulen gibt. Die Japaner haben ihre Mangas inzwischen auch für die lokale Werbeindustrie und für Leitsysteme  im Straßenverkehr entdeckt.

Die Liebe zu Manga und fiktiven Welten in Japan lässt sich auf ihren extremen Leistungensdruck und ihr kollektivgesellschaftliche Denken zurückführen. In einer sich radikal verändernden und modernisierten Welt, in der Disziplin, Aufrichtigkeit und Arbeit an oberster Stelle stehen, ist der Ausweg in bunte Phantasiewelten fast unausweichlich, um dem Druck standhalten zu können und Kreativität ausleben zu können.

Der Veranstalter Sebastian Steinecker trägt zwar selber kein Kostüm, weil er nicht nähen kann, aber er organisiert die Messe aus Leidenschaft und die Einnahmen spendet er anschließend für Kinder aus sozialschwachen Familien.