Kommentar
Der Mangawahn: Auf der Suche nach Identität
Wer bin ich? Ich bin ein Zimmerspringbrunnenvertreter, ein Glückspils oder Pechvogel, ein Workaholic, der zappelnde Käfer aus Franz Kafkas die Verwandlung, der Fänger im Roggen von J.D. Salinger, der Klassenclown oder Mistress 9 aus der japanischen Trickserie SailorMoon...
Gerade in unserer entwickelten, westlichen Konsumwelt beschäftigt viele Leute die Frage nach ihrer Identität. Denn durch Identität erhalten wir Sicherheit, Kontrolle und die Möglichkeit uns in gesellschaftliche Strukturen zu integrieren. Gleichzeitig verschafft uns Identität eine Art „Daseinsberechtigung“.
Die Bildung diverser Jugendsubkulturen mit teilweise fanatischen Zügen, macht deutlich, dass vor allem Jugendliche mit dieser Thematik zu kämpfen haben. In der Pubertät sind sie emotional aufgebracht und suchen nach Strukturen und dem Sinn des Lebens. Oft liegt die Ursache auch im Elternhaus: Den Kindern fehlen Leitbilder und kulturelle Werte.
Seit Anfang der 90er Jahre entwickelte sich in Deutschland beispielsweise die neumodische Jugendbewegung Emo (von emotional) oder die so genannten Cosplayer (Kostümspieler), die sich japanische Mangacomic-Figuren zum Vorbild nehmen und für einen unbestimmten Zeitraum durch eine entsprechende Verkleidung in ihre Rolle schlüpfen.
Perspektivlosigkeit oder Langeweile in einem fortschrittlichen Staat können weitere Ursachen für die Bildung jener Subkulturen sein. Andere Länder wie beispielsweise die Türkei haben viel tiefere innenpolitische Probleme und ringen noch um ihre Staatsidentität.
In den selbst hervorgebrachten, aber dennoch von der Werbeindustrie angekurbelten, Jugendkulturen können die Kids Freundschaften schließen und dadurch ihr soziales Netz stärken, ihre Kreativität frei ausleben und sich gegenseitig Bestätigung geben. Bestätigung die sie vielleicht nicht durch ihren Job, ihren Partner, ihre Familie oder durch die Ausübung von Sport erhalten. Gefährlich wird es allerdings, wenn die Cosplayer aus ihren Phantasiewelten nicht zurück in die Realität finden. Viele Mangafans neigen zu agressiven Verhalten, welches sie jedoch durch Schmerzzufügung nach innen und nicht nach außen tragen.
Im Gegensatz zu jenen Zeitgenossen, die keine Bestätigung durch ihre Mitmenschen erhalten und versuchen sich Anerkennung durch Macht zu erkämpfen. Macht setzt in den meisten Fällen die Anwendung von äußerer Gewalt voraus. So kann das Festhalten an Jugendkulturen die Gewaltbereitschaft junger Leute senken, aber dennoch sollten sie in dem Bewusstsein leben, dass ihre künstlich erschaffenen Welten auf einen Schlag wie eine illusorische Seifenblase platzen können. Peng!