Menschenporträt
Das Leben kann ein Schachspiel sein
Die Geschichte eines Frührentners


Es ist Ende Mai - der Sommer steht vor der Türe.
Ich fahre mit dem Aufzug in den 6. Stock eines insgesamt 15 stöckigen Hochhauses und betrete die Wohnung des 46 jährigen Ludwig Schranzer aus Offenbach. Die Rolladen sind unten, es ist fast dunkel. Verkrochen wie in einer Höhle sitzt Ludwig Schranzer an seinem Schreibtisch und kritzelt geschwind etwas auf einen Notizzettel. Seine Wohnung wirkt unnatürlich sauber und puristisch. Keine Bilder an der Wand, kein Staubkorn auf dem Regal und keine Kitschfiguren auf der Fensterbank. Nur die nötigsten Möbel sind in seinem Wohnzimmer vorzufinden.

„Ich beziehe schon seit einiger Zeit Frührente, da bleibt mir genug Zeit zum Putzen,“ erklärt Ludwig und deutet dabei auf eine Reihe von Notizzetteln, die feinsäuberlich aufgereiht auf seinem Schreibtisch liegen. Sofa, Bodenglanz und Küchenschrank steht da geschrieben. „Das ist meine Erinnerung an den Frühjahrsputz, zu dem ich aber keine Lust habe, da ja hier schon alles sauber ist,“ betont der leidenschaftliche Schachspieler und zeigt auf seinen großen Jahreskalender, den er in Form eines Schachbretts an die Wand gemalt hat.

Ludwig ist seit vielen Jahren Korrespondenz-Schachspieler. Beim Korrespodenz-Schach wird jeder Zug schriftlich per Post ausgetauscht. Eine Partie dauert hierbei nicht wie üblich mehrere Stunden, sondern 2-3 Jahre. Mit dem herkömmlichen Schachspiel hat sich Ludwig Schranzer einige Jahre finanziell über Wasser halten können. „Schach ist für mich das schönste Spiel der Welt, es gibt mir Halt im Leben und es hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin,“ erzählt er mit einem Strahlen in den Augen.

Ludwig ist in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Im Alter von 2 Jahren gibt ihn seine alleinerziehende Mutter zur Adoption frei. Er wächst in der Nähe von Offenbach bei seinen Adoptiveltern auf, die sich kurze Zeit später scheiden lassen. Im jungen Alter von 16 Jahren wird er durch den neuen Freund seiner Adoptivmutter, der ihn nicht leiden kann, gezwungen sein Zuhause zu verlassen.
Von nun an schlägt er sich alleine durch. Er lebt in Pflegeheimen und bewegt sich später in linken Revoluzzer-Kreisen. „Ich fühlte mich von meiner Familie nie wirklich verstanden und tauchte ab in die politische Welt der Linken. Ich verkaufte lieber die kommunistische Volkszeitung als in die Schule zu gehen. Wir rebellierten gegen alles: Gegen die Nachrüstung des Militärs, gegen Atomkraftwerke, gegen das Spießertum und die Kapitalistenschweine,“ erinnert sich Ludwig S. zurück: „Es war eine wilde Zeit.“

In einem Dorf namens Wolfskehlen gründet er 1980 die lokale Linkspartei, die Grünen. Als 1999 die Rot-Grün-Koalition, die damals unter der Regierung von Gerhard Schröder steht, den von der Nato geplanten und von der UNO nicht freigegebenen Luftangriff auf den Kosovo nicht verhindert, bricht für Ludwig eine Welt zusammen: „Eine Partei, die aus einer Friedensbewegung hervorgegangen ist, befürwortete einen Kriegsangriff. Mein Herz schlug damals für die Grünen und der geführte Krieg, um die Provinz Kosovo, zerstörte alle meine Leitbilder und bisherigen Werte.“

Seit diesem entscheidenden Bruch verfällt Ludwig dem Alkohol und schlägt sich mit kleinen Jobs wie Schaufensterdekorateur oder Zeitschriftenverkäufer durchs Leben: „Mein Leben ist eine einzige Aneinanderkettung von Tragödien,“ sagt er leise und schaut aus dem Fenster in die Ferne. „Durch den Rausschmiss meiner Stiefmutter konnte ich mein Abitur nicht beenden. Ich hätte gerne studiert. Ich war ein sehr begabtes Kind. Meine ganze Energie habe ich in die Politik gesteckt und hinterher habe ich sie durch den Alkohol getötet.“

Als er Anfang 30 gute Aussichten auf einen Geschäftsführerposten in einem Gemüseladen bekommt, überrollt ihn eine schwere Krankheit: Ein Darmtumor kostet ihn seinen Job, seine Partnerin und raubt ihm jegliche Perspektive.
Ausgelöst durch seine Krankheit überfällt ihn das Urbedürfnis mehr über seine Herkunft und seine Wurzeln zu erfahren. Über eine Akte beim Jugendamt macht er seine leibliche Mutter schnell ausfindig und trifft nach 31 Jahren zum ersten mal wieder auf seine Mutter, an die er sich bewusst nicht mehr erinnern kann. „Wir hatten viel Kontakt, haben viel telefoniert. Doch meine Mutter litt unter starken Schuldgefühlen und vor drei Jahren spitzte sich die Situation so zu, dass der Kontakt abgebrochen ist,“ erzählt er. „Meine Mutter war immer das schwarze Schaf in der Familie und die Rolle des schwarzen Schafes hat sie an mich weitergegeben,“ ergänzt Ludwig.

Vor 7 jahren erleidet Ludwig einen schweren psychischen und körperlichen Zusammenbruch: „Ich habe durch den vielen Alkohol nicht mal mehr die einfachsten Basics geregelt bekommen. Meine Bude war der reinste Saustall. Ich wollte den Alkohol besiegen und wusste, ich muss mein Leben umkrempeln.“ Tagelang verzieht sich Ludwig in den Wald, lauscht der Natur und schöpft neue Kraft aus ihr.

Für Ludwig ist die Liebe die schönste Droge der Welt, aber auch die hat es nie gut mit ihm gemeint: „Ich wurde bislang von allen meinen Partnerinnen verlassen. Und die wohl größte Tragödie meines Lebens ist Lisa - diese Schönheit!“ Seit drei Jahren schreibt er ihr tonnenweise unbeantwortete Liebesbriefe. Vor einem Jahr hält er es nicht mehr aus und bemalt seine kompletten Wände, Möbel und sogar den Boden mit Texten über Lisa: „Wenn ich heute einen Liebes-Krampf im Kopf bekomme, dann nutze ich mein Schachbrett, um meine Frauenprobleme auszuleben.“ Für Ludwig Schranzer lässt sich das ganze Leben auf ein Schachbrett übertragen und umgekehrt: „Es geht immer um die Lösung eines Problems, das Schachbrett ist ein Koordinatensystem.“

Ludwigs Leben ist ein einziger Kampf gegen die Einsamkeit, nur durch sein Schachspiel holt er sich seine kleinen Erfolgserlebnisse und kann seinen Kopf wenigstens für eine Weile aus dem Sand heben.