Reportage
Auf ins Grüne! Was bringt den Landarzt aufs Land
Von draußen kriecht ein angenehmer Geruch aus frisch gemähtem Rasen und Lavendelblüten durch das gekippte Fenster in das Wartezimmer von Frau Dr. Petra Gerber hinein.
Das Kind auf dem Schoss einer Mutter, die gegenüber sitzt, gibt belustigende Schmatzgeräusche von sich. Ansonsten Stille! Kein Autolärm oder dröhnende Straßenbahnen sind zu hören, die das Warten in einer Stadtpraxis oft unerträglich machen.
Es ist Donnerstag, 10:15 Uhr und die Landärztin Petra Gerber verlässt ihre Praxis, nachdem sie die ersten Patienten erfolgreich versorgt hat, um sich auf den Weg von Göllnitz in das 10 km entfernte Dorf Fürstenwalde zu machen. Dort wird sie einer alten Patientin, die unter Gelenkschmerzen leidet, einen Besuch abstatten. Heute stehen bei ihr noch drei weitere Hausbesuche auf dem Programm. Die Zeit im Auto zwischen den Hausbesuchen ist für sie eine wichtige Ruhephase und eine angenehme Pause zugleich. „Während der Fahrt kann ich Patienten reflektieren und neue Energie tanken.“ lächelt Frau Dr. Gerber, die ihr Auto durch eine schmale und kurvenreiche Straße, entlang alter Eichen lenkt. „Die Natur gibt nicht nur meinen Patienten Kraft schneller zu genesen, sondern auch mir als Ärztin, meine Arbeit gut zu machen.“
Petra Gerber ist seit über 40 Jahren die verantwortliche Landärztin für 10-12 Gemeinden mit je 200 Einwohnern in einem Brandenburger Landstrich 60 km südöstlich von Berlin. Wöchentlich besucht sie 10-15 Patienten und legt an die 180 Kilometer mit dem Auto zurück, für die sie eine Kilometerpauschale gezahlt bekommt. Wirtschaftlich rentieren tut sich das allerdings nicht, da meist zu viel Zeit für den Anfahrtsweg drauf geht.
Die Ärztekammer und das Gesundheitsministerium beklagen, dass die Ärztedichte in ländlichen Regionen zu gering sei und viele Landärzte große Probleme haben einen Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Der Standort „Land“ ist aus finanzieller Sicht für junge Ärzte sehr unattraktiv. Es gibt zwar genug Patienten, aber zu wenig Privatpatienten und die veränderte Altersstruktur mit überwiegend Rentnern, ist auch nicht gerade von Vorteil. Senioren leiden oftmals an chronischen Krankheiten, die aufwendig behandelt werden müssen und von den Krankenkassen nicht honoriert werden.
Petra Gerber kann nicht verstehen, dass heute keine jungen Ärzte mehr auf‘s Land zum Arbeiten kommen wollen. „Ich mache den Job aus Leidenschaft und nicht des Geldes wegen.“ ruft sie stolz vom Fahrersitz.
Der Verdienst eines Landarztes liegt im Durchschnitt weit unter dem eines Stadtarztes, dafür sind die Mietpreise auf dem Land niedrig und auch sonst ist das Landleben nicht teuer. „Ich kenne genug Landärzte die mit ihrem Gehalt problemlos 2-3 Kinder versorgen können.“ argumentiert Petra Gerber.
Um mehr Landärzte zu ködern, gibt es seit jüngster Zeit verschiedene staatliche Fördermittel. Praxen werden frei zur Verfügung gestellt und für die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner in Hausarztpraxen gibt es einen monatlichen Zuschuss von 2000 Euro. Die Absolventen müssen sich jedoch verpflichten, ein paar Jahre auf dem Land zu arbeiten.
Häufig kritisiert werden die Fachkenntnisse der allgemeinmedizinisch tätigen Landärzte, denn durch die dominierenden Facharztdisziplinen in der Stadt kann eine viel detailliertere Diagnose gestellt werden.
Die Verantwortung, die ein Landarzt dadurch tragen muss, ist vielen Ärzten zu groß. Sie können einzelne Patienten nicht zum nächsten Facharzt Kollegen schicken und sollten rund um die Uhr für ihre Patienten erreichbar sein.
Für Frau Dr. Petra Gerber steht der enge Kontakt zu den Patienten im Vordergrund. „Die meisten Familien habe ich seit Jahren in Behandlung und kenne die familiären Strukturen und Hintergründe. Dadurch kann ich mich besser auf die Krankheiten der Patienten einstellen.“ sagt sie. Für sie ist das Ärzte-Patientenverhältnis in der Stadt reine Fließbandarbeit. Die Wartezimmer seien zu voll und die Behandlungszeiten zu kurz, da nütze auch der beste Facharzt nichts.
Die Verantwortung die sie für 2000 Einwohner trägt, empfindet sie nicht als unangenehm. Der Status Arzt ist auf dem Land ein ganz anderer als in der Stadt, denn dort ist man nur einer unter vielen Ärzten. „Oft geht es den Patienten nur um ein wenig Aufmerksamkeit. Ich höre mir ihre Geschichte an und die Patienten vertrauen mir. In der Stadt kann man sich gleich von einem Computer behandeln lassen.“ beklagt sich Frau Dr. Gerber.
Der Trend geht auf dem Land inzwischen zu Tandem-Praxen, bei denen die Hausbesuche teilweise von Krankenpflegern und Ärztehelfern übernommen werden. Bei Engpässen darf auch der Pfleger einem Patienten den Verband wechseln.
Nach Meinung der Landärztin Petra Gerber liegt der Ursprung des Problems nicht an der Unbeliebtheit des Berufes „Landarzt“, sondern an der allgemeinen negativen Darstellung des Landlebens in den Medien: „Wir werden von den Medien zu Konsummenschen getrimmt. Sozialer Konsum, kultureller Konsum und vor allem materieller Konsum. Letzteres ist natürlich überwiegend in der Stadt zu finden. Dabei vergessen die Menschen, dass sie sich sozial in der Stadt eher isolieren. Denn der Umgang miteinander ist viel anonymer als auf dem Land. Viele Krankheiten sind psychischer Natur, besonders in der Stadt.“ erklärt Petra Gerber und schaut dabei aus dem Fenster in die Weite eines gelben Rapsfeldes.