Reportage
Istanbul: Weltkulturhauptstadt 2010
Zwischen Trümmern und Moderne


Istanbul - eine WUNDERbare Stadt im Nordwesten der Türkei, die bereits vor unserer heutigen Zeitrechnung von den Griechen auf ursprungs sieben Hügeln gebaut wurde.
Heute zieht sich die Stadt über mehrere hundert Hügel und sie trägt ein stolzes Gewicht von geschätzten 15 Millionen Menschen.
Wild geht es zu in der Riesenmetropole, in der Orient und Oxident, der Islam auf Atatürk und die Moderne auf Historie treffen. Eine Reise durch Istanbul ist eine Reise ins Ungewisse, denn hinter jedem Hügel versteckt sich ein neues Gesicht der Stadt. Von der Spitze eines Berges aus werden die Häuser der Stadt sichtbar, die sich wie ein geknüpfter Teppich über endlose Hügel ziehen. Das Ausmaß der Stadt breitet sich unverblümt vor einem aus, aber dennoch scheint es unbegreiflich. Aus den Rissen der Straßen und den Ecken der Häuser riecht es nach einer tiefen Vergangenheit.

Fünf mal am Tag dröhnen die Gebete des Muezzins durch die ganze Stadt. Aufdringlich und unausweichlich lallt die Stimme durch die Lautsprecher an den Minaretten - Töne vertraut und doch so fremd. Weit entfernt der Bosporus. Vom Schwarzen Meer im Norden drückt er sich ca. 30 km durch die Metropole, wie eine Schlange, die Asien und Europa trennt, um im Süden in den Weiten des Marmarameer zu verschwinden.
Nur zwei Brücken mit einer Spannweite von über 1000 Metern verbinden die zwei Kontinente. Millionen Menschen drängeln täglich über sie hinweg und verbringen unzählige, hupende Stunden ihres Lebens im Brückenstau.
Eine U-Bahn Linie mit 6 Haltestellen ist in der ganzen Stadt zu finden. Die Infrastruktur ist bei weitem nicht auf ihre Anwohnerzahl ausgerichtet. Die Stadt glaubt wohl, sie sei immer noch ein Dorf.
Während der Tourist in Paris die meiste Zeit in einer U-Bahn verbringt, heißt es in Istanbul: Egal wo du stehst, Hand raus, kraftig winken, nicht überfahren lassen und in kürzester Zeit wird schon ein Dolmus (Kleinbus für ca. 8 Personen) anhalten und dich einsammeln. Das Fahrgeld sowie das Wechselgeld wird einmal durch den ganzen Bus gereicht, so dass es auch jeder einmal in der Hand hatte.

Die infrastrukturelle Überlastung Istanbuls ist durch den rasanten Zuwachs ihrer Einwohner begründet. Während der Industrialisierung in den 1960/70 Jahren und während des kurdisch-türkischen Bürgerkrieges in den 1980/90 Jahren strömten die Menschen vorwiegend aus den östlichen Nachbarländern und Ostanatolien, in Hoffnung auf Arbeit und einen dadurch bedingten besseren Lebensstandard, nach Istanbul. Viele sahen Istanbul auf der Weiterreise nach Europa als Transitstadt an, blieben dann, gefangen wie eine Fliege im Spinnennetz, bis heute in ihr hängen.
So hat sich die Einwohnerzahl Istanbuls innerhalb 40 Jahren von 1,5 Millionen auf 15 Millionen verzehnfacht.

Als aktueller EU-Anwärter und ausgewählt als Weltkulturhauptstadt 2010 will die Stadt sich nun von ihrer besten Seite zeigen. Alles was nicht glänzt und als "unrein" gilt muss möglichst schnell ausradiert und modernisiert werden. Ironischer Weise wird bei der Vorbereitung zur Weltkulturhauptstadt ein Großteil der istanbuler Kultur radikal und hemmungslos zerstört. In den letzten Jahren verloren tausende Familien aus den Armenvierteln ihr Zuhause und unzählige Menschen wurden in weit entfernte Vororte deportiert. Über Nacht werden ganze, historisch wertvolle Stadtteile durch Bolldozer platt gemacht.
Die Einwohner erfahren davon aus der Zeitung oder im schlimmsten Fall finden sie nach ihrem Einkauf anstelle ihres Hauses nur noch Trümmer vor.

Seit Mai 2007 wird das über 1000 Jahre alte Sinti & Roma Viertel Sulukule (wässriger Turm) komplett abgerissen. Hier sollen vor allem für Touristen neue Holzhäuser im osmanischen Stil entstehen. Das ganze ist Teil des Mammutprojekts mit Namen Museumsstadt. der istanbuler Oberbürgermeister Kadir Topbas will die jährliche Besucherzahl von 5,5 Millionen auf 10 Millionen Touristen steigern und Istanbul Anschluss an Städten wie Prag, Paris und London garantieren. Die Roma, die das Viertel vor vielen Jahren gegründet haben, werden in Neubausiedlungen gebracht, die mit dem Auto über zwei Stunden vom Zentrum entfernt liegen.

Ein weiteres Viertel namens Tarlabasi, dessen Häuser um 1900 von den Griechen gebaut wurden, wurde auch zum Opfer der aktuellen Modernisierungsmaßnahmen. Tarlabasi gilt als sozialer Brennpunkt der Stadt. Aufgrund seiner nahen Anknüpfung an das Vergnügungsviertel Beyoglu der Reichen und der Touristen ist die Kriminalitätsrate hier sehr hoch. Seit vielen Jahren ist Tarlabasi ein Zufluchtsort für Außenseiter und Randgruppen, die woanders in der Stadt sich die Mieten nicht leisten können oder dort von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden.
2006 hat die Stadtverwaltung Istanbuls entschlossen Tarlabasi - im Rahmen der Stadterneuerung - komplett abzureissen und die alten griechischen Häuser durch moderne Wohnkomplexe, Bürogebäude und 5 Sterne-Luxushotels zu ersetzen. Dadurch soll der Anschluss an das kommerzielle Beyoglu gewehrleistet werden, welches nur durch eine breite Hauptstraße, dem Tarlabasi Boulevard, vom Armenviertel Tarlabasi getrennt wird.

Die Sanierung einiger Viertel Istanbuls ist zwar notwendig, aber für die meisten Anwohner nicht gerade profitversprechend. Dafür, dass hier im höchst rasanten Tempo eine neue, blinkende, Disneyland ähnliche Kulisse entstehen soll, erhalten sie oft nur 42% ihres Eigentums zurück und die Abfindungen sind sehr gering. Die Bauunternehmen sind es, die Profit schlagen und ihre neu gebauten Appartements für den 4 fachen Mietpreis anbieten können. 
Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle bleiben, dass der Schwiegersohn des aktuellen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit im Vorstand einer türkischen Baufirma sitzt, die für die Planung und Renovierung vieler Armenviertel zuständig ist.