Interview
Ein Buch ist ein Stück Lebensqualität

 

Wie ist das allgemeine Leseverhalten in Deutschland und stellen große Internetkonzerne wie Amazon oder die Erfindung des elektronischen Buches eine große Bedrohung für den privaten Buchhändler dar?

Interview mit Buchhändler Ralf Geisendörfer aus Wuppertal,
1989 Gründung der Buchhandlung Schöningh, Friedrich-Ebert-Straße 17, 42103 Wuppertal

NP: Seit wann sind Sie Buchhändler und war dies Ihr Traumberuf?

R. Geisendörfer: 1968 habe ich meinen eigenen Buchladen in Würzburg gegründet und vor 20 Jahren bin ich dann von Würzburg nach Wuppertal gekommen, wo ich sofort die Schöningh Buchhandlung übernommen habe. Ich wollte früher nicht unbedingt Buchhändler werden, aber damals hat es sich so ergeben und ich bin leider Einzelhändler geworden. Aber unzufrieden bin ich mit dem Beruf auch nicht unbedingt.

NP: Konnten Sie damals einen Unterschied feststellen, in Bezug auf den Bücherkonsum der Würzburger und der Wuppertaler?

R. Geisendörfer: Ja, der Unterschied ist gewaltig. Würzburg ist eine alte, traditionelle Universitätsstadt mit einem hohen Bildungsniveau. Die Studentendichte ist dort viel höher als in Wuppertal. Hier gibt es im Durchschnitt weniger Studenten und die meisten sind auch noch Pendler, die nach der Uni direkt nach Hause in die umliegenden Städte fahren. Wuppertal hat einen Ausländeranteil von 25% und mit die höchste Arbeitslosenquote Deutschlands, was an sich keine gute Voraussetzung für einen privaten Buchhändler darstellt. Denn Konsum hängt immer sehr stark vom Wohlbefinden der Leute ab, vor allem wenn es um etwas geht, was der Mensch nicht zwangsweise zum Leben braucht wie ein Buch.

NP: Wie viele Bücher gibt es in Ihrer Buchhandlung im Vergleich zu den großen Buchhandelsketten wie Thalia oder die Mayersche und stellen diese eine große Konkurrenz für Sie da?

R. Geisendörfer: Wir haben hier ein Büchersortiment von ca. 15000 Exemplaren, während beispielsweise Thalia in den Wuppertaler City Arkaden ca. 17000 Bücher auf ihrer Verkaufsfläche hat. Kundenbestellungen nehmen wir natürlich genauso entgegen wie die großen Handelsketten. Wir haben alle den gleichen Zugriff auf die Verlage, es ist ein einheitliches System. Der entscheidende Unterschied zwischen Thalia und den privaten Buchhandlungen liegt natürlich in der Intensität der Kundenberatung. Leute, die viel Wert auf eine ausgiebige Kundenberatung legen, kommen natürlich lieber zu uns. Das hat etwas mit der Qualität des Services zu tun.
Natürlich stellt Flächenausbau einer bestimmten Branche immer eine Bedrohung für den Einzelhändler dar, aber ich denke viel mehr, dass die Mayersche und Thalia untereinander konkurrieren. Das ist ein Krieg um die Macht! Man muss natürlich bei solchen großen Ketten auch immer hinter den Vorhang schauen. Thalia gehört zu Douglas, was sich wiederum in einer ganz anderen Größenordung abspielt und die Mayersche hat bereits mit dem Personalabbau begonnen.

NP: Gab es in den letzten 20 Jahren ein verändertes Kaufverhalten beim Konsumenten?

R. Geisendörfer: Die Allgemeinbildung sinkt natürlich weiter, immer weniger junge Leute lesen Tageszeitung und mit einem 30ig Jährigen kann man sich kaum noch auf Augenhöhe unterhalten. Bislang hatte dies aber noch keine Auswirkungen auf unseren Umsatz. Wir leben hauptsächlich von Stammkunden und davon sind interessanter Weise ca. 80% Frauen.

NP: Wie kommt es, dass Frauen mehr lesen?

R. Geisendörfer: Das hat größtenteils etwas mit der Erziehung zu tun und mit emotionaler Intelligenz. Strenge Eltern sind gerechte Eltern, ich halte nichts von antiautoritärer Erziehung. Man muss seinen Kindern nicht nur Vernunft beibringen, sondern auch Werte vorleben. Lesen hat etwas mit Werten und mit Qualität zu tun. Einen Brief mit einem Füller zu schreiben, schön Essen zu gehen, sich Rosen ins Zimmer zu stellen oder ein gutes Buch zu lesen muss man seinen Töchtern und seinen Söhnen beibringen. Es ist genauso mit dem Fernsehen. Die Eltern müssen gemeinsam mit ihren Kindern die richtigen Sendungen schauen. Fernsehen ist nicht tödlich, nur Fernsehen im Kinderzimmer! Ich selber habe einen 29 jährigen Sohn, der sein Leben lang von uns gelbe Rosen geschenkt bekommen hat.
Menschen, die nur auf Leistung und Funktion aus sind, müssen im Schweinsgalopp durch ihre Kindheit gerutscht sein.

NP: Lesen Männer dafür nicht mehr Fachlektüre?

R. Geisendörfer: Im Durchschnitt kann man das schon so sagen. Sich aber nur auf Fachbücher zu konzentrieren ist auch eine Form von Dummheit. Unsere Gesellschaft suggeriert natürlich ein solches Weltbild, der Mann muss funktionieren und Leistung bringen und das möglichst ohne Schnörkel und Verzierung. Das ist natürlich völliger Quatsch.
Lesen macht interlektuell, nicht Schulbildung und pures Wissen. Ich habe Handwerker getroffen, die einen stupiden Juristen aber drei mal in die Tasche gesteckt haben, vor allem im Bereich der emotionalen Intelligenz.

NP: Denken Sie, dass die Erfindung der elektronischen Bücher, wie zum Beispiel des Geräts Kindle von Amazon, eine große Bedrohung für den Einzelhändler darstellt?

R. Geisendörfer: Einem Kunden, der mir in meinem Laden diese Frage stellt, dem würde ich antworten: „Sagen Sie mir das nicht, ändern Sie Ihr Verhalten!“ Denn der Verbraucher selbst entscheidet. Natürlich führt der Kauf im Internet zur Zerstörung der Innenstädte.
Die Menschen jammern über die Schließung bestimmter Läden, dabei sind sie es, die im Internet kaufen. Dies ist die Aufgabe des Schulsystems, unserer Lehrer und der Eltern. Sie sind verantwortlich, den Kindern dies klar zu machen. Ich finde die Problematik, nicht nur in Bezug auf den Buchmarkt, denn auch Kaufhof und viele andere Läden haben starke Umsatzverluste gemeldet, ist so gewaltig, dass sie fast ein eigenes Schulfach verdient hätte.
Insgesamt versuche ich recht wertfrei gegenüber Geräten wie dem elektronischen Buch zu stehen. Wenn ein Kunde danach fragt, werde ich mein Bestes tun, diesem Wunsch gerecht zu werden. Denn der Kunde ist und bleibt König, sonst könnte ich meinen Laden gleich schließen.

NP: Was denken Sie über die Zukunft des Buches?

R. Geisendörfer: Ich bin ja nun schon von der etwas älteren Schule, ich denke nicht, dass ich zu meiner Zeit noch eine drastischen Kaufabfall des Buches miterleben werde. Und wenn dies der Fall sein sollte, dann hat es bestimmt nichts mit der Erfindung des elektronischen Buches zu tun, sondern mit der aktuellen Finanzkrise, die sich nicht nur auf den Einzelhändler, sondern auch auf den normalen Verbraucher auswirken wird.

Vielen Dank für das Interview Herr Geisendörfer