Glosse
Die krumme Gurke
Deutschland im Regulierungsfieber. Haben wir genug Verbote oder brauchen wir noch mehr?
Nur die inneren Werte zählen:
Die viel zu krumme Gurke, die knotige Karotte, der Rettich auf zwei Beinen und die siamesische Haselnuss.
Sie alle sind Außenseiter, Verstoßene der Gesellschaft! Noch bevor sie die Chance bekommen würden, in einen gemütlichen Karton gelegt und zum nächsten Händler transportiert zu werden, landen sie bereits in den Weiten einer dunkeln Mülltonne. Verschwendung und fruchtige Diskriminierung zugleich!
Es scheint, dass Deutschland nicht nur den Superstar und das Topmodel sucht, sondern auch die geradeste Gurke aller Gurken. - Doch damit ist jetzt Schluss! Ab dem 1. Juli 2009 dürfen sich 26 von 36 Obst- und Gemüsesorten wieder in ihrer natürlichsten Form zeigen. Entschied die EU Kommission.
Die grüne Gurke atmet wohl erleichtert auf: Sie brauch sich ab sofort nicht mehr zu schämen, wenn ihr Gurkenkörper mehr als 10 Millimeter auf 10 Zentimeter Länge gekrümmt ist. Ein weiterer Vorteil: Sie muss sich nicht mehr mit übertrieben vielen Artgenossen in den gleichen Karton quetschen, da durch die arge Krümmung nun weniger gebogene Gurken dort Platz finden werden.
Nur zu schade, dass durch das neue Gurkenkrümmungsgesetz zwar weniger Gurken, aber dafür um so mehr Kartons weggeschmissen werden.
Wie konnte es nur so weit kommen? Werden wir durch die Werbung zu sehr auf die Optik getrimmt oder entstehen jene Gesetze, in einer Gesellschaft, die wenig zu beklagen hat, nur aus purer Langeweile?
Überfluss wäre wohl auch der richtige Ausdruck.
Der Bauer freut sich, dass der sinnlose Wegwurf von genauso gut schmeckendem Obst und Gemüse endlich ein Ende nimmt und der Verbraucher freut sich, dass die Preise im Laden sinken.
Vor allem die westliche Welt wird immer schlichter und perfekter, immer sauberer und technisierter. Schneller und schneller. Wo sind bloß die Schnörkel der Zeit geblieben?
Das Hochhaus was wir bauen besitzt keinen Stuck. Die Barbie, die im Kinderzimmer liegt, hat keine Pickel im Gesicht, keine Haare auf den Armen und sie ist nicht dick.
„Betreten verboten“ verweist ein Schild auf den Rasen vorm Bundestag. Der ist natürlich nicht wild, sondern frisch gemäht und karl rasiert. Die verpackten Produkte im Supermarkt blinken und blitzen.
Wie weit werden wir noch gehen?
Wahrscheinlich werden bald in deutschen Wäldern auch noch behinderte Bäume gefällt und im Schwarzwaldgebirge verformte Berge gesprengt !!!