poland

Ich laufe über die Ulica Warszawska, nur zwei Gehminuten von meiner eigenen Wohnung entfernt, an der krakauer Akademie der schönen Künste vorbei, in Richtung des alten krakauer Obst- und Gemüsemarktes am Rynek Kleparski. Ich blicke mich schüchtern und zugleich neugierig um, nehme einen tiefen Atemzug und versuche die Atmosphäre so gut es geht wahrzunehmen.
Ich schenke den überwiegend älteren Herrschaften und vor allem den Damen mit ihren lustigen, bunten Kopftüchern ein Lächeln. Doch dieses Lächeln wird vorerst unerwidert bleiben und kehrt wie ein Bumerang zu mir zurück. Ich zucke zusammen über die Härte dieser alten Menschen. Ich will mich nicht entmutigen lassen, sondern versuchen ihr Verhalten zu verstehen. Ich freue mich lieber, einen Ort gefunden zu haben, der wie eine Reise in die Vergangenheit scheint. Ein Ort voller Melancholie und Poesie.
Ich gehe weiter und schaue in alte, faltige Gesichter und entdecke sofort etwas von dieser Traurigkeit. In ihren Gesichtern steht die Geschichte Polens geschrieben. Eine lange und tiefe Geschichte.

Insgesamt 123 Jahre lang war Polen vollständig von der Landkarte verschwunden. Das Land Polen existierte als solches in dieser Zeit politisch nicht und wurde von drei Besatzungsmächten fremdregiert. 1795 wurde das Land bereits zum dritten Mal in der Geschichte geteilt: Polen war ab sofort in drei Sektoren unter den Nachbarmächten Rußland, Preußen und Österreich aufgeteilt. Eine lange Zeit in der das Land, die Sprache und Kultur sich nicht frei entwickeln konnten und die Menschen um ihre eigene Identität kämpfen mussten.

 

© 2006

Jewish cemetary, Krakow / Kazimierz